Frankfurter Allgemeine Zeitung

30.08.2016, Dem Digitalradio gehört die Zukunft

Warum stellen sich die Deutschen eigentlich bei der Einführung von DAB+ so an? In ganz Europa ist zu erkennen, welche Vorteile die Technik hat - für alle. Von Patrick Hannon

Überall in Europa spielt das Radio als Quelle von Nachrichten, Informationen und Unterhaltung eine wichtige Rolle im Leben der Bürger. 84 Prozent aller Europäer hören regelmäßig Radio, durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich. Aber das Radio muss sich erneuern, will es relevant bleiben. Ein Problem ist, dass der UKW-Frequenzbereich belegt ist. Es gibt keinen Platz für Nachrichtendienste, die Innovationsmöglichkeiten sind begrenzt. Auf lange Sicht bedeutet das den Niedergang.

In dieser Lage bietet sich das Digitalradio DAB+ an. Für Hörer bietet DAB+ eine größere Auswahl, besseren Klang und eine Fülle neuer Datendienste. Sender können mit DAB+ neue Dienste entwickeln (beispielsweise Nischenprogramme, die auf vorhandenen Formaten aufbauen) und dem Medium neue Impulse geben und den Rundfunk zu einem interessanten Werbemedium machen. Für die Gesellschaft bietet das Digitalradio eine effizientere Nutzung des Spektrums, eine umweltfreundlichere Technik und potentiell deutlich verbesserte Verkehrsinformationen.

Überall in Europa geht es mit dem Digitalradio voran. Großbritannien, Norwegen, die Schweiz und Dänemark haben seit mehreren Jahren Digitalradio. Später kamen Deutschland (2011), die Niederlande (2013) und Italien (2014) hinzu. In diesen sieben Staaten kann Digitalradio landesweit oder fast nahezu landesweit empfangen werden. Eine dritte Gruppe von Ländern ist nun ebenfalls aktiv. In Frankreich werden DAB+-Dienste in Paris, Nizza und Marseille angeboten, in Lille, Lyon und Straßburg soll es 2017 losgehen. Belgien wird im kommenden Jahr ein nationales Digitalradio-Angebot starten, und in Polen versorgt Polskie Radio etwa 55 Prozent der Bevölkerung mit seinem digitalen Angebot. Auch in Österreich, der Slowakei und in der Türkei laufen Versuche. Slowenien dürfte in Bälde folgen.

Digitalradiogeräte werden immer beliebter. Weltweit sind mehr als vierzig Millionen Empfänger verkauft worden, in manchen Ländern gibt es solche Geräte für weniger als zwanzig Euro. In Bayern sind nach dem Start von Programmen wie „BR Heimat“ knapp vierzig Prozent aller neuen Empfänger mit DAB+ ausgestattet.

Im Automobilsektor ist eine noch dramatischere Entwicklung zu beobachten. In Großbritannien sind inzwischen 82 Prozent aller Neuwagen serienmäßig mit Digitalradio ausgestattet, 2011 waren es erst vier Prozent. Auch in Norwegen und in der Schweiz verfügen die meisten Neuwagen über DAB+. In Großbritannien sind sämtliche Audis, sämtliche BMWs und 95 Prozent aller VWs serienmäßig mit Digitalradio ausgestattet. Die Technologie ist bereit für massenhafte Anwendung.

In einigen Ländern gibt es einen Zeitplan für die Umstellung auf Digitalradio - in Norwegen 2017, in der Schweiz zwischen 2020 und 2024. Ausländische Fahrer könnten dann erleben, dass ihr Autoradio nicht funktioniert, wenn sie in einem dieser beiden Länder unterwegs sind.

Jahrzehntelang war UKW der internationale Standard. Hörer konnten ihre Geräte nutzen, wo immer sie sich befanden. Dies sollte auch das Ziel für das digitale Zeitalter sein: DAB+ als Radiostandard in Europa. Das erfordert eine gemeinsame europäische Strategie unter aktiver Beteiligung Deutschlands. DAB+ sollte von allen relevanten Akteuren unterstützt werden - im Interesse der Branche und der Hörer.

Hier und da wird die Ansicht vertreten, dass das Internet die Alternative zum Digitalradio sei. Das Internet ist zwar ein wichtiger Teil der digitalen Radiolandschaft, hat aber deutliche Nachteile, besonders für Autofahrer. Das Internet sollte aus drei Gründen als Ergänzung und nicht als Kernplattform betrachtet werden. Erstens ist es nicht Free-to-Air. Die Verwendung von 3G oder 4G auf dem Smartphone verbraucht Datenpakete der Nutzer plus Batterien. Zweitens ist Internetradio nicht überall zu empfangen. Auf Autobahnen mag es funktionieren, aber nicht auf Nebenstraßen in ländlichen Gebieten. Drittens sind Mobilfunknetze in Krisensituationen rasch überlastet. Dagegen verfügt das Digitalradio über die wichtigsten Vorteile des Rundfunks: Free-to-Air, zuverlässige und uneingeschränkte Versorgung mit Informationen, unabhängig von der Zahl der Hörer.

Eine erfolgreiche Umstellung auf Digitalradio setzt gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten voraus: Politik, Aufsichtsbehörden, öffentlich-rechtliche und private Sender, Netzprovider, Gerätehersteller, Einzelhändler und Automobilbauer. Ausgangspunkt ist die politische Vision, dass die Zukunft des Rundfunks digital ist, mit klaren Strategien der beteiligten Regierungen. Ohne politisches Engagement gibt es keine verlässlichen Rahmenbedingungen, so dass die für die Entwicklung einer neuen Plattform erforderlichen Investitionen nicht getätigt werden.

Weiterhin braucht es die Unterstützung der öffentlichen und privaten Sender. Sie müssen neue Dienste entwickeln und die Vorteile des Digitalradios deutlich machen - den Verbrauchern, den Händlern und der Automobilbranche. In Deutschland wäre die Einrichtung eines zweiten nationalen Multiplex ein sinnvoller Weg, mit einem erweiterten Angebot die Möglichkeiten des Digitalradios zu stärken. Die entscheidenden Vorteile des Digitalradios müssen über einen längeren Zeitraum hinweg kommuniziert werden.

Das primäre Ziel von Regulierung sollte eine verbesserte Programmvielfalt und eine Förderung des Wettbewerbs sein. Die Regulierungsbehörde sollte Rahmenbedingungen schaffen, damit Privatsender, denen die Kosten eines jahrelangen Sendebetriebs auf zwei Plattformen nicht vertretbar erscheinen, zu einer Umstellung ermuntert werden. Vielleicht fürchten sie auch neue Konkurrenz.

Die Aufsichtsbehörde könnte eine Reihe von Maßnahmen in Erwägung ziehen. In den Niederlanden und in Großbritannien werden UKW-Lizenzen nur verlängert, wenn das Angebot auch über DAB+ ausgestrahlt wird. Ein anderer Ansatz, in Großbritannien praktiziert, besteht darin, dass die für private Sender geltenden Bestimmungen hinsichtlich der Werbeeinnahmen gelockert werden.

In Großbritannien haben sich diese Maßnahmen als sehr wirkungsvoll erwiesen. Mit der zunehmenden Beliebtheit des Digitalradios können die Privaten nun mit der BBC um Hörer konkurrieren. Private Sender können neue Werbetreibende gewinnen, vor allem solche, die bislang in erster Linie das Fernsehen genutzt haben.

In einigen Ländern gibt es Probleme mit der geographischen Abdeckung lokaler Multiplexe. Jedes Gebiet muss individuell geprüft werden, möglicherweise gibt es Kosten-Nutzen-Abwägungen zwischen Reichweite und der Anzahl der Dienste in einem Multiplex. Die Regulierungsbehörde könnte zwischen Reichweiteerfordernissen und Betriebskosten einzelner Sender vermitteln.

Um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Privaten zu verbessern, könnte man öffentliche Gelder zum Ausbau der DAB+-Struktur zur Verfügung stellen, etwa in Gebieten, wo Investitionen für einen Privatsender wenig sinnvoll erscheinen, durch das Digitalradio aber eine wichtige öffentliche Dienstleistung garantiert würde. In der Schweiz und in Großbritannien wird auch die Entwicklung kleinerer softwaregestützter und energieeffizienter Multiplexe getestet.

Insgesamt plädiere ich für ein ausgewogenes Vorgehen der Regulierungsbehörden. Mit den richtigen Strategien kann den Hörern ein noch besseres Qualitätsradio angeboten und die Zukunft des Mediums langfristig gesichert werden. Kurzfristig fallen natürlich Kosten an, doch die dürften sich in Grenzen halten. Die Angst vor mehr Konkurrenz sollte aber kein Grund sein, die digitale Zukunft nicht weiter zu verfolgen.

Zu einem Erfolg des Digitalradios würde außerdem wesentlich beitragen, wenn alle neuen Autos serienmäßig mit DAB+ ausgestattet werden. Technisch ist das kein Problem. Man muss die Autobauer nur davon überzeugen, dass die Zukunft dem Digitalradio gehört. Vier Faktoren können dabei helfen: ein starkes Engagement der Politik, eine gute geographische DAB+-Abdeckung, ein inhaltliches Angebot, das besser als auf UKW ist, sowie ein überzeugendes Marketing der Sender.

Die Sender müssen über die Vorteile von DAB+ im Auto informieren. In Großbritannien und den Niederlanden arbeiten Sender und Autobauer an gemeinsamen PR-Initiativen, ein mit DAB+ ausgestattetes Fahrzeug wird beispielsweise einem Sender als Give-away zur Verfügung gestellt. Politikern, Sendern und Automobilherstellern muss klar sein, dass das Digitalradio eine wichtige Rolle im vernetzten Auto spielen kann, besonders in Notfällen, in denen es auf größte Zuverlässigkeit ankommt.

Ein zentraler Aspekt ist die unerlässliche Kooperation aller in- und ausländischen Akteure. Einige Länder haben Marketingfirmen gegründet, deren Aufgabe es ist, Werbung für das Digitalradio zu machen. Es gibt viele Beispiele einer erfolgreichen Praxis, an denen man sich orientieren könnte. Es wäre gut, wenn Deutschland ein ähnliches Marketinginstrument hätte, an dem Vertreter aller betroffenen Branchen zusammenarbeiten.

Wichtig ist auch die internationale Kooperation, weil das Radio sich in einer globalen Welt behaupten muss, in der Google, Apple, Facebook und Amazon die größten Konkurrenten sind. Die Sender sollten mit international ausgerichteten Unternehmen zusammenarbeiten. Autobauer, Hersteller von Radioempfängern und Mobilfunkanbieter sind allesamt global tätig. Für den europäischen Rundfunk bietet sich die Chance, mit diesen Unternehmen zu kooperieren, aber dafür muss er mit einer Stimme sprechen. Alle relevanten Akteure müssen sich zusammensetzen und über die Zukunft des Radios diskutieren. Diese Diskussionen sollten die weitere Entwicklung indes nicht bremsen. Wir brauchen Entscheidungen, denn es wird Zeit, dass wir vorankommen.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
Patrick Hannon ist Präsident der Industrie-Initiative „World DAB“, der mehr als achtzig Firmen und Sender in aller Welt angehören. Sie hat zum Ziel, den Ausbau des Digitalradios zu fördern.
Dieser Text kommt aus F.A.Z. PLUS, der neuen digitalen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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